In den vergangenen Monaten wurde die muslimische Öffentlichkeit in Deutschland durch einen schwerwiegenden Fall der Zweckentfremdung von Spendengeldern erschüttert. Nach intensiven Ermittlungen und dem Verlauf eines öffentlichen Gerichtsverfahrens steht fest: Die als Prediger bekannte Person Abdelhamid hat über Jahre hinweg erhebliche Spendensummen zweckwidrig für private Zwecke verwendet und damit das Vertrauen vieler Muslime missbraucht. Grundlage dieser Feststellung sind umfangreiche Beweismittel sowie ein klares Geständnis im Gerichtssaal. Inzwischen wurde ein Urteil gesprochen.

Im Folgenden veröffentlichen wir eine gemeinsame Erklärung, die von elf Imamen und Lehrenden unterzeichnet wurde.

„Und so haben Wir euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht, damit ihr Zeugen seid über die Menschen und damit der Gesandte Zeuge über euch sei.“ (Sure al-Baqara, 2:143)

Alles Lob und jeder Dank gebührt Allāh allein, der uns das Unterscheidungsvermögen zwischen Recht und Unrecht gelehrt und uns zur Erkenntnis des richtigen Weges durch Seine Religion geleitet hat. Mögen Sein Frieden, Sein Segen und Seine Barmherzigkeit mit dem Gesandten Muḥammad ﷺ sein – dem Siegel der Propheten, dem Vorbild in Rechtleitung und Wahrhaftigkeit, der als Barmherzigkeit für die Welten gesandt wurde, unabhängig von Sprache, Herkunft oder Stand.

1. Warum diese Erklärung?

Weil wir Verantwortung gegenüber der muslimischen Gemeinschaft tragen, aber auch gegenüber der Gesellschaft, in der wir leben. Schweigen in einem so öffentlichen und sensiblen Fall öffnet Raum für Spekulationen, Verschwörungstheorien und falsche Narrative. Viele Muslime stehen verunsichert da, einige verlieren das Vertrauen oder sogar ihre Religion, andere ziehen sich zurück oder entwickeln ein verzerrtes Bild von Gerechtigkeit. Gleichzeitig droht der deutschsprachigen Daʿwa ein nachhaltiger Schaden durch Vertrauensverlust, Generalverdacht und fehlende Aufarbeitung. Mit dieser Erklärung möchten wir ein differenziertes Bild aufzeigen, das weder einseitigen Medienberichten folgt noch in Schutzbehauptungen verfällt – sondern der Wahrheit verpflichtet bleibt.

2. Was ist geschehen?

In den letzten Monaten wurde die muslimische Öffentlichkeit in Deutschland durch einen gravierenden Fall der Zweckentfremdung von Spendengeldern erschüttert. Nach intensiven Ermittlungen und dem Verlauf eines laufenden Gerichtsverfahrens steht fest, dass die als Prediger bekannte Person Abdelhamid über Jahre hinweg Spendengelder in erheblichem Umfang zweckwidrig verwendet und damit das Vertrauen von vielen Muslime missbraucht hat. Das ergibt sich aus umfangreichen Beweismitteln und aus einem Geständnis im Gerichtssaal.

Die Spenden wurden über Konten von Familienangehörigen transferiert und zum größten Teil für private Zwecke eingesetzt. Nur ein kleiner Bruchteil wurde bestimmungsgemäß verwendet.

Wir haben uns gewünscht, dass dieser Fall eine andere Wendung genommen hätte. Viele Muslime haben mit aufrichtiger Absicht gespendet, im Vertrauen darauf, dass ihr Geld Menschen in Not erreicht. Es liegt uns fern, Schadenfreude zu zeigen. Doch wir sehen uns verpflichtet, über die Konsequenzen aufzuklären und die Bedeutung für unsere Gemeinschaft zu reflektieren.

3. Das gerichtliche Urteil

Das Gericht hat Abdelhamid (Dehran A.) zu einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren verurteilt. Seine Ehefrau wurde zu einer Freiheitsstrafe von 1 Jahr und 9 Monaten verurteilt, welche jedoch zu einer Bewährungsstrafe ausgesetzt ist. Die Bewährungszeit beträgt 3 Jahre und umfasst u.a. die Auflage, in dieser Zeit straffrei zu bleiben und jeden Wohnortwechsel mitzuteilen.

Abdelhamid wurde angeklagt, sich in 37 Fällen des Betrugs in besonders schweren Fällen strafbar gemacht zu haben, wobei es zweimal bei einem Versuch blieb. Der Ehefrau wurde vorgeworfen, sich in 21 Fällen der mittäterschaftlichen Tatbegehung strafbar gemacht zu haben.

Das Gericht nahm den Tatvorwurf weitestgehend an, wobei die bandenmäßige Abrede gemäß § 263 Abs. 3 Nr. 1 Alt. 2 StGB nicht angenommen wurde. Die Gewerbsmäßigkeit gemäß § 263 Abs. 3 Nr. 1 Alt. 1 StGB wurde dahingegen angenommen.

Abdelhamid und seine Ehefrau organisierten Spendenaufrufe. Diese 37 Spendenaufrufe wurden vornehmlich auf dem reichweitenstarken Abdelhamid-Instagram-Account geteilt. Teil der Spendenaufrufe war auch die Angabe, auf welche Konten bzw. Paypal-Konten die Spendengelder überwiesen werden sollten, teilweise wurden nähere Kontoinformationen per Direct Messages auf Instagram weitergeleitet. Als Ziel wurde vorgegeben, die durch die Spenden eingenommenen Gelder für humanitäre Zwecke weiterzuleiten. So wurden laut Abdelhamid beispielsweise angeblich für Palästina, Fastenbrechende bei der Umrah in Mekka und Medina, hungernde Kinder und „für Afrika“ Spenden gesammelt.

Entgegen den Angaben in den Spendenaufrufen wurde jedoch der Großteil der Gelder für private Zwecke verwendet, insgesamt wurden 496.298,23€ an Spenden gesammelt. Tatsächlich wurden davon weniger als 10.000,00 EUR zweckgerichtet weitergeleitet; die meisten Zahlungen erfolgten, bis auf zwei Zahlungen i.H.v. von jeweils 1.000,00 EUR und 200,00 EUR, nicht an Spendenorganisationen.

Das Geld wurde sowohl von Abdelhamid als auch von seiner Ehefrau für die Verwirklichung eines luxuriösen Lebensstils ausgegeben. So wurden hochwertige Möbel, Luxusartikel wie Louis-Vuitton-, Gucci-, Prada-Artikel, mehrere Luxus-Damen- und -Herrenarmbanduhren (u.a. mehrere Rolex -Armbahnduhren) sowie hochwertige Autos gekauft. Weiterhin wurden mit diesen Spendengeldern auch Luxusurlaube finanziert.

Treibende Kraft hinter dieser Vorgehensweise war gemäß der Urteilsbegründung Abdelhamid.

Das Gericht hat in den Strafzumessungserwägungen zugunsten des Straftäters und dessen Ehefrau das Geständnis gewertet, was unter Berücksichtigung der Zustimmung der Verlesung der schriftlichen Zeugenvernehmungen zu einer erheblichen Verfahrensverkürzung beitrug. Darüber hinaus wurde berücksichtigt, dass die vorgeworfenen Taten einen längeren Zeitraum zurückliegen. Ferner wurde darauf Bezug genommen, dass Abdelhamid Erstverbüßer und daher besonders haftempfindlich ist.

Zugunsten der Ehefrau wurde außerdem berücksichtigt, dass ihre vor Gericht kommunizierte Reue glaubhaft war. Schließlich wies das Gericht darauf hin, dass die Ehefrau bis dato nie strafrechtlich in Erscheinung trat. Es wurde eine positive Sozialprognose angenommen.

Gegen Abdelhamid und dessen Ehefrau wurde die Verwerflichkeit der Taten, welche über einen langen Zeitraum mehrmals erfolgten, hervorgehoben. Daher wurde eine hohe kriminelle Energie angenommen.

Explizit gegen Abdelhamid fiel im Rahmen der Strafzumessungserwägungen ins Gewicht, dass er einschlägig vorbestraft ist. Er hatte zum Zeitpunkt der Anklage bereits elf Eintragungen im Führungszeugnis, wobei deutlich wurde, dass er sich achtmal strafbar machte, darunter bereits viermal wegen Betrugs; die letzte rechtskräftige Verurteilung stammt aus dem Jahr 2020 – also ein Jahr vor dem hier verurteilten Spendenbetrug.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung kann noch das Rechtsmittel der Revision gegen das Urteil eingelegt werden.

4. Die Rolle der Gerichte und der Quellenlage

Wir müssen als muslimische Gemeinschaft lernen, zwischen unbegründetem Misstrauen und begründeter Kritik zu unterscheiden. In diesem Fall stammen die Informationen nicht allein aus der Presse, sondern aus offiziellen Aussagen im Gerichtsprozess, den Protokollen, den Einlassungen der Beschuldigten und den Erklärungen ihrer eigenen Verteidigung.

Viele Muslime waren selbst bei Verhandlungen anwesend. Die Aussagen konnten mitgehört, die Beweise nachvollzogen werden. All dies stützt ein differenziertes Bild – eines, das sich nicht auf Spekulation, sondern auf Dokumente und eigene Höreindrücke gründet.

5. Die islamische Einordnung

Die Veruntreuung von Spenden ist im Islam eine der schwerwiegendsten Sünden und ein gewaltiges Unrecht. Spenden gelten als anvertrautes Gut. Wer dieses bewusst missbraucht, begeht Verrat – nicht nur gegenüber dem Spender, sondern gegenüber den Empfängern und letztlich gegenüber unserem Schöpfer.

Allāh der Erhabene sagt: „Diejenigen, die das Vermögen der Waisen ungerechterweise verzehren, verzehren nur Feuer in ihre Bäuche. Und sie werden in eine lodernde Flamme eingehen.“ (Sure an- Nisāʿ, 4:10)

Der Gesandte Allāhs ﷺ sagte: “Wen immer wir von euch mit einer Aufgabe betrauen und er verheimlicht uns auch nur eine Nadel oder etwas darüber hinaus, so ist es Verrat, und er wird es am Tage der Auferstehung mit sich tragen.“ (Muslim, 1833; Aḥmad, 17723)

Es geht hier um mehr als juristische Verantwortung. Es geht um die Verantwortung vor Allāh und der Gemeinschaft. Um das, was Vertrauen schafft oder zerstört.

6. Unsere Haltung als Imame

Wir sprechen nicht als Richter. Wir sprechen als Imame, Seelsorger, Lehrer, Begleiter. Wir sind der Meinung, dass wir als religiös Verantwortliche aufklären müssen, damit Vertrauen nicht dauerhaft verloren geht.

Unsere Religion ruft dazu auf, Gerechtigkeit walten zu lassen – selbst dann, wenn sie uns selbst betrifft:

Allāh der Erhabene sagt: „O die ihr glaubt! Seid standhaft für die Gerechtigkeit, als Zeugen für Allāh, selbst wenn es gegen euch selbst oder die Eltern und Verwandten ist.“ (Sure an-Nisāʿ, 4:135)

Und: „Und so haben Wir euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht, damit ihr Zeugen sei düber die Menschen.“ (Sure al-Baqara, 2:143)

Wir wünschen uns, dass dieser Fall nicht zur Spaltung führt, sondern zu einem gemeinschaftlichen Nachdenken. Es geht nicht um eine Person. Es geht um den Umgang mit Vertrauen, mit Verantwortung, mit religiöser Autorität.

7. Vertrauen, Spenden und Wachsamkeit

Spenden im Islam ist ein Akt der Anbetung und Gottesdienerschaft. Wer spendet, tut dies mit dem Wunsch, Gutes zu bewirken und Allāhs Wohlgefallen zu erlangen. Das gespendete Vermögen wird damit zu einem Treuhandgut, das zweckgebunden verwendet werden muss. Jeder bewusste Missbrauch ist eine üble Straftat.

Allāh der Erhabene sagt: „Nimm von ihrem Besitz eine Spende, um sie dadurch zu reinigen und zu läutern.“ (Sure at-Tawba, 9:103)

Wir alle müssen lernen: Vertrauen ist wichtig – aber es darf nicht blind sein. Wir sollten uns als Gemeinschaft darüber austauschen, wie wir zukünftig mit Spenden, mit religiöser Reichweite, mit Autorität umgehen. Welche Kriterien legen wir an? Welche Schutzmechanismen brauchen wir?

8. Die Herausforderungen durch Social Media

Soziale Medien haben große Chancen geöffnet – und große Gefahren. Der Zugang zu religiösen Inhalten ist niederschwelliger geworden. Doch gleichzeitig verschwimmen Grenzen: Zwischen Rat und Reichweite, zwischen Aufrichtigkeit und Selbstinszenierung, zwischen Bildung und Beliebtheit.

Es ist an der Zeit, über Qualifikation, Kontrolle und Vertrauensschutz nachzudenken. Nicht jeder, der spricht, ist ein Lehrer. Nicht jeder, der bekannt ist, ist ein Vorbild.

9. An unsere Jugendlichen

Wir wissen, wie schmerzhaft solche Fälle sein können. Zweifel, Enttäuschung, Zorn sind normal. Aber sie sollen euch nicht in die Irre führen. Der Islam ist nicht das Fehlverhalten einzelner. Der Glaube hängt nicht an Menschen, sondern an Allāh und Seinem Gesandten.

Ihr dürft Fragen stellen. Ihr dürft kritisch sein. Ihr sollt unterscheiden lernen. Und ihr sollt wissen: Euer Vertrauen ist wertvoll. Gebt es nicht jedem. Wählt mit Bedacht, von wem ihr euch religiös prägen lasst und wem ihr euer Gehör schenkt.

10. Verantwortung der Organisationen und Moscheen Wir wissen, dass viele Moscheen mit begrenzten Mitteln große Verantwortung tragen. Umso wichtiger ist es, bei Spendenprojekten auf Transparenz, klare Zuständigkeiten und ethische Kontrolle zu achten. Es braucht Kriterien für die Auswahl von Vortragenden. Es braucht ein Bewusstsein für den Schutz vor geistigem und spirituellen Missbrauch. Es braucht institutionelle Mechanismen.

Wir wissen, dass nicht alle Fehler vermeidbar sind. Aber wir können uns gemeinsam um bessere Strukturen bemühen.

11. An andere Imame und Verantwortungsträger

Diese Stellungnahme wurde in begrenztem Rahmen vorbereitet. Wir hatten nicht die Kapazitäten, alle Stimmen zu beteiligen. Deshalb verstehen wir dieses Wort als Anfang – nicht als alleinigen Schluss. Wir laden andere ein, sich zu beteiligen, zu widersprechen, zu ergänzen. Lasst uns gemeinsam Wege finden, wie wir Verantwortung glaubhaft und gerecht tragen.

12. Was wir daraus lernen

Die Lehre dieses Falls liegt nicht allein in der Verfehlung eines Einzelnen, sondern im Umgang der Gemeinschaft damit:

  • Wir dürfen Fehler nicht vertuschen, sondern müssen aus ihnen lernen.
  • Wir brauchen Kriterien für religiöse Autorität, die über Worte und Reichweite hinausgehen.
  • Wir müssen Spenden und Vertrauen besser schützen, sowohl durch institutionelle Standards als auch durch gemeinschaftliche Achtsamkeit.
  • Wir müssen dazu beitragen, dass Spenden transparent und rechtskonform über seriöse Organisationen abgewickelt werden.
  • Wir müssen Jugendlichen helfen, Resilienz gegen Enttäuschung zu entwickeln und den Unterschied zwischen Mensch und Botschaft zu verstehen.
  • Wir müssen lernen, zwischen Wahrheit und emotionaler Parteinahme zu unterscheiden – in aller Gerechtigkeit, jenseits von Gruppenzugehörigkeiten.
  • Wir müssen bei der Einschätzung von Krisen differenziert bleiben und die Brille der Sektiererei bewusst ablegen.
  • Und wir müssen die Religion bei vertrauenswürdigen, qualifizierten Lehrern lernen – Menschen, die Bildung, Ethik und Aufrichtigkeit vereinen.

13. Schlusswort und Bittgebet

Möge Allāh unsere Gemeinschaft stärken, unsere Herzen vereinen, unsere Fehler vergeben und uns die Kraft geben, aus ihnen zu lernen. Möge Er unsere Jugend schützen, unsere Moscheen leiten und unsere Verantwortungsträger mit Weisheit und Gerechtigkeit ausstatten. Möge Er denjenigen vergeben, die aufrichtig bereuen, und jenen helfen, deren Vertrauen verletzt wurde. Und möge Er uns zu einer Gemeinschaft der Mitte machen, die für das Gute steht, das Schlechte meidet und die Wahrheit ausspricht – mit Barmherzigkeit, Aufrichtigkeit und Festigkeit.

Unterzeichnende:

Ferid Heider

Serhat Kaya

Iman Saleh

Marcel Krass

Gökhan Soysal

Abdulkadir Ali

Fatih Dasdemir

Mohamed Matar

Abdelqadir Borno

Abdelaziz Rebai

Sven Yusef Rücker

Abdurrahman D. Zaccaria

Samir Abu Sajid

Ahmad Abu Mujahid

Mohammad Nour Treifi

Abu Zaynab Kevin Mlynski

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