Zur aktuellen Situation rund um den Fall Abdelhamid:

Ich war selbst am dritten Prozesstag anwesend und habe mir ein eigenes Bild von der Situation gemacht. In dieser persönlichen Zusammenfassung teile ich die wichtigsten Eindrücke und Informationen – sachlich, aber auch im Lichte unserer islamischen Werte von Gerechtigkeit, Verantwortung und Redlichkeit.

Zum Schluss richtet sich ein Appell an uns als muslimische Gemeinschaft: Wir alle tragen die Verantwortung, Fehlentwicklungen zu benennen und das Vertrauen in unsere Gemeinschaft zu schützen.

Nach dem Besuch des dritten Prozesstages im Fall Abdelhamid, dessen bürgerlicher Name Dehran A. ist, möchte ich als Imam und Seelsorger meine Eindrücke und Gedanken mit euch teilen. Es geht mir dabei nicht um die Person allein, sondern um das, was dieser Fall für unsere Gemeinschaft bedeutet.

1. Die Fakten sind bisher sehr eindeutig

Mit bisher sehr hoher Wahrscheinlichkeit: Abdelhamid hat die Tat begangen. Er selbst hat ein freies und authentisches Geständnis abgelegt – ohne Druck, ohne Zwang. Er verfügt über exzellentejuristische Vertretung. Wäre er unschuldig, würde diese Verteidigung darauf abzielen, seine Unschuld zu beweisen. Doch die Beweislage ist erdrückend: Ausgewertete WhatsApp-Nachrichten, über Familienmitglieder eröffnete Konten, auf die Spendengelder transferiert und anschließend für private Zwecke genutzt wurden. Ja, er hat einen Teil der Spenden weitergegeben – den Großteil aber für sich selbst verwendet. Dies alles hat er gestanden.

2. Der Weg in den Betrug

Abdelhamid betonte, seine ursprüngliche Absicht sei rein gewesen. Doch als große Summen auf seinem Konto eingingen, habe ihn die Duniya – das diesseitige Leben – verleitet. Er sei ein schwacher Mensch. Er habe sich selbstständig machen wollen, sei durch behördliche Schwierigkeiten frustriert gewesen, schließlich schwach geworden und habe die Spenden dann zielgerichtet für sich selbst genutzt. Das mag erklären, was geschehen ist, aber es entschuldigt es nicht.

3. Worum es juristisch geht

Im Prozess dreht es sich nun einerseits darum, die Geständnisse der Angeklagten durch weitere Beweiserhebung zu verifizieren, andererseits darum, etwaige Strafzumessungsgründe zu ermitteln, um ein Strafmaß zu bestimmen. Hierbei geht es u.a. um folgende Fragen: War es eine geplante, kriminelle Handlung mitsystematischer Bandenstruktur oder eine Tat im Sinne von „Gelegenheit macht Diebe“ – wie einer seiner Anwälte es formulierte? Das Urteil wird diese Fragen beantworten müssen.

4. Die islamische Beurteilung

Unabhängig von rechtlichen Bewertungen bleibt diese Tat im Islam eine der schwerwiegendsten Sünden: Diebstahl, Betrug und das widerrechtliche Verzehren des Vermögens Bedürftiger. Allāh warnt uns im Qurʾān deutlich davor:

(Verzehren des Vermögens der Waisen)

„Diejenigen, die das Vermögen der Waisen ungerechterweise verzehren, verzehren nur Feuer in ihre Bäuche. Und siewerden in eine lodernde Flamme eingehen.“ (Sūrat an-Nisāʾ, 4:10)

(Verbot des ungerechten Verzehrens von Vermögen)

„O die ihr glaubt! Verschlingt nicht in ungerechter Weise das Vermögen der anderen untereinander und bietet es nicht den Richtern (zur Bestechung) an, um einen Teil des Vermögens der Menschen in Sünde und wissentlich zu verzehren.“(Sūrat al-Baqara, 2:188)

(Verweigerung der Hilfe für Bedürftige)

„Wehe denen, die beten und dabei ihre Gebete nachlässig verrichten, die nur gesehen werden wollen und den Bedürftigenjede Hilfe verweigern.“ (Sūrat al-Māʿūn, 107:4–7)

(Schwere Strafe für betrügerisches Aneignen von Vermögen)

Der Prophet ﷺ sagte: „Wer das Vermögen eines Muslims durch einen falschen Schwur an sich nimmt, dem wird Allāh das Höllenfeuer verpflichtend machen und das Paradies für ihn verboten.“ (Überliefert bei al-Buḫārī und Muslim)

Und viele weitere Belege aus dem Qurʾān und der Sunna. Das ist eine der größten Sünden (kabīra). Das ist ein Übel, welches im Diesseits den Hass der Menschen nach sich zieht und im Jenseits einen in die Hölle stürzen kann, wenn man nicht aufrichtig bereut und die Rechte zurückerstattet. Es gibt hier nichts zu verharmlosen und nichts zu rechtfertigen.

5. Reue allein genügt nicht

Reue ist wichtig, aber nicht ausreichend. Er muss die Verantwortung übernehmen, eine gerechte Strafe akzeptieren und das zu Unrecht verzehrte Vermögen durch ehrliche Arbeit zurückerstatten. Dies ist die Bedingung für eine aufrichtige Reue.

6. Das Recht der Bedürftigen

Es hilft ihm nicht, wenn einzelne Spender ihm „vergeben“ oder es ihm „gönnen“. Denn das Vermögen gehört, sobald es gespendet wurde, nicht mehr dem Spender, sondern den Bedürftigen. Es ist ein Treuhandvermögen, über das er nicht verfügen durfte. Dies ist durch den Qurʾān und die Sunna klargeregelt.

7. Verharmlosung ist Sünde

Geschwister, die meinen, sie könnten ihm rein aus Sympathie vergeben und das Ganze als menschlichen Fehler abtun ohne Abrechnung, verharmlosen damit eine der größten Sünden. Fürchtet Allāh und nehmt Seine Gebote ernst.

(Verbot, bei Sünde und Übertretung zu helfen)

„Und helft einander an Güte und Gottesfurcht, aber helft einander nicht bei Sünde und Übertretung. Und fürchtet Allāh; gewiss, Allāh ist streng im Strafen.“ (Sūrat al-Māʾida, 5:2)

Dieses Prinzip verbietet es ausdrücklich, sich an einem Unrecht zu beteiligen oder es zu unterstützen – dazu zählt auch das Decken, Verharmlosen oder Verteidigen von Übeltätern.

(Gebot der Gerechtigkeit, selbst gegen sich selbst)

„O die ihr glaubt! Steht fest für die Gerechtigkeit ein, als Zeugen für Allāh, selbst gegen euch selbst oder (gegen) die Eltern und Verwandten …“ (Sūrat an-Nisāʾ, 4:135)

Gerechtigkeit hat im Islam Vorrang vor persönlichen Bindungen, Emotionen oder Gruppenzugehörigkeiten. Egal ob es dein Vater, deine Mutter oder dein Sheikh ist, du musst gerecht handeln.

(Pflicht, Unrecht zu stoppen)

Der Prophet ﷺ sagte: „Wer von euch etwas Verwerfliches sieht, der soll es mit seiner Hand ändern; und wenn er dazu nicht in der Lage ist, dann mit seiner Zunge; und wenn er dazu nicht in der Lage ist, dann mit seinem Herzen – und das ist die schwächste Form des Glaubens.“ (Überliefert bei Muslim)

Das bedeutet: Das Schweigen oder gar Schützen eines Übeltäters ist mit dem islamischen Prinzip der Amr bi-l-maʿrūf wa-n-nahy ʿani l-munkar (das Gute gebieten und das Schlechte verwehren) nicht vereinbar.

(Keine Unterstützung für Verrat und Ungerechtigkeit)

Von Anas wird überliefert, dass der Gesandte Allāhs ﷺ sagte: „Hilf deinem Bruder, ob er ein Ungerechter oder ein Unterdrückter ist.“ Die Gefährten fragten: „O Gesandter Allāhs, wir helfen ihm, wenn er unterdrückt wird, aber wie sollen wir ihm helfen, wenn er ungerecht ist?“ Er ﷺ antwortete: „Indem ihr ihn daran hindert, Unrecht zu tun – das ist ihm zu helfen.“ (Überliefert bei al-Buḫārī)

Das bedeutet: Jemanden an seiner Ungerechtigkeit zu hindern – auch durch offenes Ansprechen und klare Distanzierung – ist echte Hilfe. Das Decken eines Übeltäters schadet ihm und der Gemeinschaft.

Fazit:

Wer jemanden deckt, der offen sündigt, betrügt oder Unrecht begeht, begeht selbst eine Sünde. Die islamische Pflicht verlangt nicht nur, sich vom Unrecht zu distanzieren, sondern es aktiv zu benennen und dem Übeltäter zu helfen, indem man ihn daran hindert weiterzumachen.

8. Unsere Verantwortung als Gemeinschaft

Ich spreche über diesen Fall, weil ich es als meine Verantwortung als Imam sehe, die Wahrheit klar zu benennen. Allāh sagt: „Und so haben Wir euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht, damit ihr Zeugen seid über die Menschen.“ (Sūrat al-Baqara, 2:143)

Unsere Pflicht ist es, Unrecht zu benennen und uns für Gerechtigkeit einzusetzen – als Zeugen fürd ie Wahrheit im Dies- sowie Jenseits.

9. Was wir als Gemeinschaft tun müssen

Wir dürfen diesen Fall nicht nur individuell betrachten, sondern müssen als Gemeinschaft Lehren daraus ziehen. Es geht nicht um Abdelhamid als Person – es geht um das Phänomen des spirituellen Missbrauchs und des Vertrauensmissbrauchs. Juristen, Psychologen, Soziologen, Pädagogen, Imame und vor allem die Betroffenen müssen zu Wort kommen und gemeinsam an einer Aufarbeitung arbeiten.

10. Schutz für unsere Jugendlichen und Betroffenen

Wir müssen für unsere Jugendlichen da sein, sie begleiten und schützen – vor Glaubenszweifeln,Vertrauensverlust, spirituellem Missbrauch und emotionaler Manipulation. Auch die Betroffenen brauchen seelsorgerische Begleitung und konkrete Unterstützung.

11. Keine Gruppenfehde

Dies ist kein Streit zwischen Salafis, Sufis oder sonstigen Strömungen. Jeder kann betroffen sein. Niemand ist immun gegen Fehlverhalten. Wir müssen uns hüten, diesen Fall für Gruppenhass zu instrumentalisieren.

12. Mein Appell

An die Muslime: Verzweifelt nicht. Werdet achtsamer und schärft euren Verstand. Lasst euch nicht blenden von charismatischen Auftritten, schönen Worten oder einer großen Followerschaft. Auch Prediger, Imame und andere sind nur Menschen – sie können Fehler begehen und in Sünde fallen. Behaltet stets einen kritischen Blick: Wem folgen wir? Von wem nehmen wir Wissen? Über welche Plattformen beziehen wir unsere religiöse Orientierung? Social Media ist gewiss nicht der Ort des Wissens.Wir müssen als Gemeinschaft beginnen, klare Maßstäbe zu setzen – sowohl für die Qualifikation derjenigen, die religiöse Inhalte vermitteln, als auch für deren charakterliche Integrität. Besonders unser Spendenverhalten müssen wir überdenken: Achtet sorgfältig darauf, ob Spendenaufrufe von Einzelpersonen kommen oder ob es vertrauenswürdige, transparente Plattformen sind.

An die Verantwortlichen muslimischer Organisationen und an die Imame: Kommt eurer Verantwortung nach und schützt die Muslime. Sprecht Missstände klar und unmissverständlich an. Seid konsequent, wenn ihr seht, dass einzelne Prediger ihre Grenzen überschreiten. Allgemeine Worte genügen nicht mehr.

An die Jugendlichen: Lasst euch nicht täuschen oder von Emotionen leiten. Beweise bleiben Beweise. Ein Geständnis bleibt ein Geständnis.

An Abdelhamid: Bereue aufrichtig. Bitte Allāh um Vergebung mit einem reuigen und bedauernden Herzen.Wenn das Urteil kommt und der Fall – wie es derzeit zu erwarten ist – seinen Abschluss findet, dann nimm deine Strafe an und beginne ernsthaft damit, das veruntreute Geld zurückzuzahlen. Das wird nicht die Zeit des Lachens und der Unbeschwertheit sein, sondern die Zeit der Ernsthaftigkeit, der Reue und der Rückkehr zu Allāh.

Wisse: Ohne Wiedergutmachung wird dir nicht vergeben werden, und die Bedürftigen, deren Recht du verletzt hast, werden es am Tag der Auferstehung von dir einfordern – jenem Tag, an dem weder Reichtum noch Ansehen von Nutzen sein werden.

Und eines ist unverzichtbar: Predige nie wieder. Lass deine Taten für dich sprechen, nicht deine Worte. Mache gut, was du zerstört hast. Bewahre deine Kinder davor, denselben Fehler zu begehen. Sei ein guter Ehemann, schütze deine Familie und bringe deine Frau nie wieder in eine solche Lage. Wende dich Allāh in aufrichtiger Demut und unermüdlicher Anbetung zu – bis zu deinem letzten Atemzug. Wir bitten Allāh um Seine Vergebung – für uns und für dich.

Zum Schluss:

Möge Allāh uns zu einer Gemeinschaft der Mitte machen – einer Gemeinschaft der Verantwortung und der Zeugenschaft. Sobald das endgültige Urteil gesprochen ist, müssen wir als Gemeinschaft zusammenkommen und in verschiedenen Kontexten eine ehrliche und tiefgehende Aufarbeitung leisten – unabhängig von einzelnen Personen. Es geht nicht um Namen, sondern darum, aus Fehlern zu lernen, Vertrauen wiederherzustellen und unsere Gemeinschaft zu schützen und zu stärken.

Teile diesen Beitrag!

In dieser Datei findest du auch alle Quellenangaben, falls verwendet.

Abonniere Unseren Newsletter

Verpasse keine Veranstaltung & Neuigkeiten und erhalte alle Infos direkt in dein Postfach

Ähnliche Beiträge: