(I. Teil) 1
Alles Lob gebührt Allāh, dem Rabb der Welten. Wir loben Ihn, bitten Ihn um Hilfe, bitten Ihn um Vergebung und bitten Ihn um Rechtleitung. Wir suchen Zuflucht bei Allāh vor dem Übel unserer eigenen Seelen und vor den schlechten Folgen unserer Taten. Wen Allāh rechtleitet, den kann niemand in die Irre führen, und wen Er in die Irre gehen lässt, für den gibt es keinen, der ihn rechtleiten könnte.
Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allāh, dem Einen, Der keinen Teilhaber hat. Und ich bezeuge, dass unser Meister und unser Prophet Muḥammad Sein Diener und Sein Gesandter ist. Allāh entsandte ihn mit der Rechtleitung und der Religion der Wahrheit, damit Er sie über jede andere Religion siegen lasse, auch wenn es den Götzendienern zuwider ist. O Allāh, sende Deinen Segen, Deinen Frieden und Deine Gnade auf ihn, auf seine Familie, seine Gefährten und auf alle, die ihnen bis zum Tag der Auferstehung in rechtschaffener Weise folgen.
Was nun folgt: O Diener Allāhs! Ich ermahne euch und mich selbst – obwohl ich voller Mängel bin – zur Gottesfurcht (taqwā) gegenüber Allāh, dem Erhabenen. Denn die Gottesfurcht ist der beste Reisevorrat und das Beste, womit sich der Diener auf die Begegnung mit seinem Herrn vorbereitet.
„O die ihr glaubt! Fürchtet Allāh in wahrer Gottesfurcht und sterbt ja nur als Muslime.“ (Āl ʿImrān, 3:102)
Geehrte Geschwister, zu den größten Gaben, mit denen Allāh Seine Diener beschenkt, gehört das nützliche Wissen. Durch das Wissen erkennt der Mensch seinen Rabb. Durch das Wissen lernt er, wie er Ihn anbeten soll. Durch das Wissen unterscheidet er zwischen Wahrheit und Falschheit, zwischen Rechtleitung und Irreführung, zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen.
Kein Gottesdienst kann ohne Wissen richtig verrichtet werden. Kein Glaube kann ohne Wissen gefestigt werden. Und keine Gemeinschaft kann ohne Wissen Bestand haben.
Deshalb verwundert es nicht, dass der Qurʾān und die Sunna dem Wissen einen Rang einräumen, wie kaum einer anderen Tat. Denn Wissen ist nicht lediglich eine Ansammlung von Informationen, die man hört oder liest. Wissen ist vielmehr ein Licht, mit dem Allāh die Herzen derjenigen erleuchtet, die Ihn aufrichtig suchen.
Der Imam der Stadt Medina, unser Imam Mālik ibn Anas (raḥimahu-llāh) sagte: „Das Wissen besteht nicht im vielen Überliefern. Vielmehr ist Wissen ein Licht, das Allāh in das Herz legt.“ (al-Ilmāʿ fī ḍabṭ ar-riwāya wa taqyīd as-samāʿ, S. 286)
Liebe Geschwister, wenn Wissen ein Licht ist, dann gibt es auch das Gegenteil: Dunkelheit. Und wo Licht und Dunkelheit aufeinandertreffen, muss der Mensch lernen zu unterscheiden.
Gerade deshalb gehört das Streben nach Wissen zu den edelsten Gottesdiensten überhaupt. Es ist kein Zufall, dass Allāh Seinem Propheten ﷺ nicht befahl, Ihn um mehr Besitz, mehr Einfluss oder mehr Ansehen zu bitten. Die einzige Sache, deren Vermehrung Allāh Seinem Propheten ausdrücklich aufzutragen befahl, ist das Wissen.
Allāh, der Erhabene, sagt: „Und sprich: Mein Rabb, mehre mich an Wissen.“ (Ṭā Hā, 20:114)
Denkt über diesen Vers nach. Der Gesandte Allāhs ﷺ, der beste Mensch dieser Umma, der Empfänger der Offenbarung, wird von seinem Rabb aufgefordert, um mehr Wissen zu bitten und dass an Wissen wächst. Wie groß muss dann unser eigener Bedarf an Wissen sein? Wie sehr sind wir darauf angewiesen, unseren Glauben immer weiter zu vertiefen?
Nicht Reichtum wird hier vermehrt. Nicht Ansehen. Nicht Macht. Sondern Wissen.
Denn je mehr ein Mensch seinen Rabb kennt, desto mehr liebt er Ihn. Je mehr er seinen Rabb kennt, desto mehr fürchtet er Ihn. Und je mehr er seinen Rabb kennt, desto aufrichtiger dient er Ihm.
Aus diesem Grund sagt Allāh ﷻ : „Ehrfurcht vor Allāh haben unter Seinen Dienern nur die Wissenden.“ (Fāṭir, 35:28)
Die Frucht des Wissens ist daher nicht Überheblichkeit, Stolz oder Followerschaft. Die Frucht des Wissens ist Demut, Gottesehrfurcht und ein Herz, das seinen Rabb kennt.
Liebe Geschwister, wenn Allāh den Rang einer Sache hervorheben möchte, dann erwähnt Er sie wiederholt in Seinem edlen Buch. So verhält es sich auch mit dem Wissen. An zahlreichen Stellen des Qurʾān zeigt uns Allāh, welch hohe Stellung den Wissenden zukommt und welch gewaltigen Unterschied zwischen Wissen und Unwissenheit besteht.
Allāh, der Erhabene, sagt: „Ist etwa einer, der sich zu den Stunden der Nacht in demütiger Andacht befindet, sich niederwirft oder aufrecht steht, sich vor dem Jenseits in Acht nimmt und auf die Barmherzigkeit seines Herrn hofft …? Sprich: Sind etwa diejenigen, die wissen, und diejenigen, die nicht wissen, gleich? Doch bedenken nur diejenigen, die Verstand besitzen.“ (az-Zumar, 39:9)
Die Antwort auf diese Frage kennt jeder von uns: Nein! Sie sind nicht gleich.
Nicht gleich vor den Menschen und erst recht nicht vor Allāh. Denn der Wissende erkennt den Weg zu seinem Rabb. Er weiß, was Allāh von ihm verlangt. Er kennt die Grenzen, die Allāh gesetzt hat, und bemüht sich, sie einzuhalten. Der Unwissende hingegen mag gute Absichten haben, doch gute Absichten allein genügen nicht, wenn der Weg unbekannt ist.
Wie oft möchte ein Mensch Gutes tun und begeht dabei Fehler, weil ihm das Wissen fehlt. Wie oft hält er etwas für erlaubt, obwohl es verboten ist. Und wie oft unterlässt er eine Pflicht, weil er sie nie gelernt hat.
Deshalb erhebt Allāh diejenigen, die Wissen mit Glauben verbinden.
Er ﷻ sagt: „So erhöht Allāh diejenigen von euch, die glauben, und diejenigen, denen Wissen gegeben worden ist, um Rangstufen. Und Allāh ist dessen, was ihr tut, Kundig.“ (al-Muǧādilah, 58:11)
Beachtet, liebe Geschwister, dass Allāh hier zwei Eigenschaften miteinander verbindet: den Glauben und das Wissen.
Wissen ohne Glauben kann zur Überheblichkeit führen. Glaube ohne Wissen kann zu Irrtum und Fehlleitung führen. Erst wenn beide zusammenkommen, entsteht der Weg der Leitung, den Allāh für diese Umma bestimmt hat.
Aus diesem Grund machte auch der Gesandte Allāhs ﷺ deutlich, dass das Verständnis der Religion eines der größten Zeichen göttlicher Gunst ist.
Der Gefährte Muʿāwiya ibn Abī Sufyān (raḍiya-lllāhu ʿanhumā) berichtet, dass der Prophet ﷺ sagte: „Wem Allāh Gutes will, dem schenkt Er Wissen und Verständnis (fiqh) im Dīn.“ (al-Muwaṭṭaʾ, al-Buḫārī, Muslim, Ibn Māǧah und Aḥmad)
Liebe Geschwister! Vielleicht fragt sich manch einer: Woher weiß ich, dass Allāh Gutes mit mir vorhat? Der Prophet ﷺ gibt uns eine Antwort.
Wenn Allāh einem Menschen Gutes will, öffnet Er ihm die Türen zum Verständnis Seiner Religion. Er schenkt ihm die Liebe zum Lernen. Er lässt ihn Freude daran f inden, den Qurʾān zu verstehen, die Sunna kennenzulernen und den Weg der Rechtschaffenen zu gehen.
Wer dagegen kein Interesse mehr daran hat, seinen Dīn kennenzulernen, der sollte sich selbst hinterfragen und Allāh darum bitten, sein Herz wieder mit dem Licht des Wissens zu erfüllen.
Aus diesem Grund sagte der Gesandte Allāhs ﷺ: „Das Streben nach Wissen ist eine Pflicht für jeden Muslim.“ (Ibn Māǧah)
Der Prophet ﷺ sprach hier nicht nur die Gelehrten an und auch nicht nur diejenigen, die ihr Leben dem Studium widmen. Er richtete diese Worte an jeden Muslim.
Jeder von uns ist verpflichtet, das Wissen zu erwerben, das notwendig ist, um Allāh richtig anzubeten. Wie kann jemand das Gebet verrichten, wenn er dessen Voraussetzungen nicht kennt? Wie kann jemand fasten, die Zakāt entrichten oder die Pilgerfahrt vollziehen, wenn er die entsprechenden Rechtsurteile nie gelernt hat? Die Aufforderung „Verrichtet das Gebet“ impliziert die Aufforderung „Erlernt das Gebet“, denn das Rechtsprinzip lautet: „Was zur Erfüllung einer Pflicht unerlässlich ist, wird selbst zur Pflicht.“ (mā lā yatimm al-wāǧib illā bihī fa-huwa wāǧib)
Deshalb beginnt die Anbetung stets mit dem Wissen. Erst das Wissen zeigt uns, wie wir Allāh auf die Weise dienen, die Er von uns verlangt.
Liebe Geschwister, wenn das Streben nach Wissen eine Pflicht ist und Allāh den Wissenden solche Rangstufen verspricht, dann stellt sich die Frage:
Welchen Lohn erhält derjenige, der sich auf den Weg macht, um dieses Wissen zu erwerben?
Der Gesandte Allāhs ﷺ beantwortete diese Frage mit einer frohen Botschaft, die jedem Mut machen sollte, der sich Zeit nimmt, den Dīn zu lernen.
Von Anas ibn Mālik (raḍiya-llāhu ʿanhu) wird berichtet, dass der Gesandte Allāhs ﷺ sagte: „Wer sich auf den Weg macht, um Wissen zu suchen, der befindet sich auf dem Weg Allāhs, bis er zurückkehrt.“ (at-Tirmiḏī)
Welch gewaltige Ehre! Der Prophet ﷺ beschreibt denjenigen, der sein Haus verlässt, um den Qurʾān zu lernen, einen Fiqh-Unterricht zu besuchen, einen Hadith zu studieren oder seinen Glauben zu vertiefen, als jemanden, der sich auf dem Weg Allāhs befindet.
Jeder Schritt, jede Mühe, jede Stunde des Lernens ist eine Annäherung an Allāh. Aus diesem Grund schätzten die Gelehrten das Verständnis der Religion höher ein als eine bloße Vermehrung freiwilliger Taten.
Es wird dem Gesandten Allāhs ﷺ über den Gefährten Ibn ʿAbbās (raḍiya-llāhu ʿanhumā) zugeschrieben, dass er sagte: „Ein Faqīh ist für den Satan schwerwiegender als tausend Anbetende.“ 2 (at-Tirmiḏī, Ibn Māǧah)
Und in einer weiteren Überlieferung heißt es:
„Wenig Fiqh ist besser als viel Gottesverehrung.“ (al-Ḫaṭīb al-Baġdādī, al-Faqīh wa alMutafaqqih, Bd. 1, S. 98)
Liebe Geschwister, diese Aussagen bedeuten keineswegs, dass die Anbetung geringgeschätzt wird. Im Gegenteil: Die Anbetung ist das Ziel unseres Lebens.
Doch die Experten unserer Gemeinschaft wollten uns lehren, dass die Anbetung erst dann vollkommen wird, wenn sie auf Wissen beruht.
Denn ohne Wissen kann ein Mensch aufrichtig sein und dennoch Fehler begehen. Er möchte Allāh dienen, kennt aber den Weg nicht. Deshalb sagten die Gelehrten: Die Annahme einer Tat setzt unter anderem voraus, dass sie mit Aufrichtigkeit verrichtet wird und mit der Sunna des Gesandten Allāhs ﷺ und mit der Erklärung der führenden Experten dieser Umma übereinstimmt. Und diese Übereinstimmung kann nur durch Wissen erreicht werden.
„O die ihr glaubt, gehorcht Allāh und gehorcht dem Gesandten und den Zuständigen unter euch!“ (an-Nisāʾ, 4:59)
Und auch aus diesem Grund sagte Imam aš-Šāfiʿī (raḥimahu-llāh): „Mein Bruder, du wirst das Wissen nur durch sechs Dinge erlangen – ich werde sie dir im Einzelnen erläutern: Verstand, Eifer, Anstrengung, ausreichende Mittel, die Begleitung eines Lehrers und eine lange Zeit.“
Beachtet, liebe Geschwister:
Hier wird nicht nur Fleiß und Begabung. Es wird ausdrücklich die Begleitung eines Lehrers und Geduld erwähnt.
Wissen wird nicht über Nacht erworben. Es wächst mit der Zeit. Es wächst durch Demut. Es wächst durch Fragen. Es wächst durch die Begleitung eines Experten und fähigen Lehrers.
Deshalb sagte Imam Mālik (raḥimahu-llāh) zu einem jungen Mann aus Quraiš: „Mein Neffe, lerne zuerst den Anstand (adab), bevor du das Wissen lernst.“ (Ḥilyat alAwliyāʾ, Bd. 6, S. 330)
Denn Wissen ohne Anstand wird zu einem Beweis gegen seinen Träger.
Liebe Geschwister, zum Abschluss dieses ersten Teils möchten wir über ein gewaltiges Gleichnis nachdenken, das der Gesandte Allāhs ﷺ selbst über das Wissen gab.
Von Abū Mūsā al-Ašʿarī (raḍiya-llāhu ʿanhu) wird berichtet, dass der Prophet ﷺ sagte:
„Das Gleichnis dessen, womit Allāh mich an Rechtleitung und Wissen entsandt hat, ist das Gleichnis eines reichlichen Regens, der auf verschiedene Arten von Erde fällt. Ein Teil der Erde ist fruchtbar; sie nimmt das Wasser auf und bringt reichlich Pflanzen und Gras hervor. Ein anderer Teil hält das Wasser fest, sodass die Menschen davon trinken, ihre Felder bewässern und ihre Tiere tränken können. Und ein weiterer Teil ist eine kahle Ebene; sie hält weder Wasser zurück noch lässt sie Pflanzen wachsen. Dies ist das Gleichnis dessen, der Verständnis für die Religion Allāhs erlangt und Nutzen aus dem zieht, womit Allāh mich entsandt hat: Er lernt und lehrt. Und es ist das Gleichnis dessen, der sich darum nicht kümmert und die Rechtleitung Allāhs, mit der ich entsandt wurde, nicht annimmt.“ (al-Buḫārī, Muslim und Aḥmad)
Liebe Geschwister, dieser Regen fällt auf alle Böden. Doch nicht jeder Boden bringt Früchte hervor. So ist es auch mit den Herzen. Viele hören dieselben Verse. Viele hören dieselben Überlieferungen. Viele besuchen dieselbe Moschee. Doch nicht jedes Herz lässt das Wissen Wurzeln schlagen.
Darum sollten wir uns heute alle eine ehrliche Frage stellen: Zu welcher Erde gehört mein Herz?
Bin ich wie die fruchtbare Erde, die das Wissen aufnimmt und dadurch Früchte hervorbringt? Bin ich wenigstens wie jene Erde, die das Wissen bewahrt und anderen Nutzen bringt? Oder höre ich Woche für Woche die Worte Allāhs und Seines Gesandten ﷺ, ohne dass sie mein Leben verändern?
Möge Allāh unsere Herzen zu fruchtbarer Erde machen, die Sein Licht aufnimmt, bewahrt und weitergibt.
Ich spreche diese meine Worte und bitte Allāh, den Erhabenen, um Vergebung – für mich, für euch und für alle Muslime. So bittet Ihn um Vergebung. Gewiss, Er ist der Allvergebende, der Barmherzige.
(II. Teil)
Meine geehrten Geschwister, wenn wir den gewaltigen Rang des Wissens erkannt haben und wissen, dass es zu den größten Gaben Allāhs gehört, dann müssen wir uns eine weitere wichtige Frage stellen:
Wie bewahren wir dieses Wissen?
Denn eine wertvolle Sache wird geschützt. Ein kostbarer Schatz wird bewacht. Und nichts ist für den Gläubigen kostbarer als sein Glaube und seine Religion.
Aus diesem Grund entwickelte sich in dieser Umma eine außergewöhnlich sorgfältige Wissenschaft der Wissensüberlieferung. Die Gelehrten prüften nicht nur den Inhalt einer Aussage, sondern ebenso denjenigen, der sie überlieferte. Sie untersuchten seinen Charakter, seine Vertrauenswürdigkeit, seine Lehrer und die Überlieferungskette (isnād), durch die das Wissen zu ihm gelangte. Über Jahrhunderte hinweg entwickelten und systematisierten die muslimischen Gelehrten die Methoden der Wissensgewinnung und -prüfung. Sie begründeten eigenständige Wissenschaften wie die Hadithkritik, die Rechtsmethodik (uṣūl al-fiqh), die Grundlagen der Glaubenslehre und verbanden dabei die gesunde Vernunft mit der Offenbarung auf der Grundlage der authentischen Überlieferung des Dīn. Gerade deshalb ist unsere Religion nicht auf Vermutungen, bloße Meinungen oder einzelne Aussagen aufgebaut, sondern auf einer über Generationen bewahrten und überprüften Wissensüberlieferung.
Der Imam und Muḥaddiṯ ʿAbdullāh ibn al-Mubārak (raḥimahu-lllāh) sagte: „Der Isnād gehört zur Religion. Gäbe es den Isnād nicht, könnte jeder sagen, was er wollte.“
Und der große Tābiʿī Muḥammad ibn Sīrīn (raḥimahu-llāh) sagte: „Gewiss, dieses Wissen ist Religion. So achtet darauf, von wem ihr eure Religion übernehmt.“ (an-Nawawī: Muqaddimat Ṣaḥīḥ Muslim)
Liebe Geschwister, wenn wir diese beiden Aussagen hören, könnte man meinen, sie seien für unsere Zeit gesprochen worden.
Denn noch nie war es so einfach, im Namen des Islams zu sprechen. Jeder kann innerhalb weniger Minuten einen Kanal eröffnen, Vorträge veröffentlichen oder religiöse Antworten geben. Das Internet und die sozialen Medien sind zweifellos eine große Möglichkeit, Menschen zu erreichen und Gutes zu verbreiten. Viele Menschen haben dadurch den Weg zur Moschee gefunden, den Qurʾān kennengelernt oder den ersten Schritt zurück zu Allāh gemacht. Dafür danken wir Allāh.
Doch jede Gnade bringt auch Verantwortung mit sich.
Früher reisten die Menschen oft viele Monate, um einen wissenden Experten aufzusuchen. Sie erkundigten sich nach seinen Lehrern, seinem Charakter und seiner Vertrauenswürdigkeit, bevor sie auch nur einen Hadith oder eine Rechtsfrage von ihm übernahmen.
Heute hingegen genügt oftmals ein kurzer Videoclip oder wenige Beiträge in den sozialen Medien, und manche Menschen sind bereit, einer Person ihre Religion anzuvertrauen.
Doch unsere Religion lehrt uns Besonnenheit und Verantwortung.
Allāh, der Erhabene, sagt: „Und verfolge nichts, wovon du kein Wissen hast. Gewiss, Gehör, Augenlicht und Herz – sie alle werden darüber zur Rechenschaft gezogen werden.“ (al-Isrāʾ, 17:36)
Dieser Vers richtet sich nicht nur an denjenigen, der spricht. Er richtet sich ebenso an denjenigen, der zuhört. Auch wir tragen Verantwortung dafür, wem wir unsere Ohren, unsere Herzen und unseren Verstand öffnen.
Deshalb möchte ich euch heute vier einfache Fragen mitgeben. Vier Fragen, die jeder Muslim und jede Muslima stellen sollte, bevor religiöses Wissen übernommen oder weitergegeben wird.
Nicht aus Misstrauen. Nicht um Menschen vorschnell zu verurteilen. Sondern aus Verantwortung gegenüber unserer Religion. Denn unsere Religion ist das Wertvollste, was wir besitzen.
Die erste Frage lautet: Wer spricht? — Wer ist die Person, der ich zuhöre? Wer ist sie? Ist sie bekannt? Ist sie transparent? Ist sie dafür bekannt, nach Wissen zu streben, Wissen zu besitzen und nach ihm zu handeln?
Oder kenne ich lediglich ihren Benutzernamen, ihre Stimme oder ihre Videos?
Liebe Geschwister, unsere Religion ist nicht anonym zu uns gelangt. Der Qurʾān wurde von bekannten Männern und Frauen überliefert. Die Sunna wurde von Überlieferern weitergegeben, deren Leben die Gelehrten bis ins kleinste Detail überprüft haben. Und ebenso wurde das Wissen von Generation zu Generation durch bekannte Lehrer und bekannte Schüler weitergegeben.
Allāh, der Erhabene, sagt: „So fragt die Leute des Wissens, wenn ihr nicht wisst.“ (an-Naḥl, 16:43)
Allāh befiehlt uns, die Menschen des Wissens zu fragen. Er sagt nicht: Fragt den Lautesten. Er sagt nicht: Fragt den Bekanntesten. Er sagt nicht: Fragt denjenigen mit den meisten Aufrufen.
Er ﷻ sagt: „So fragt die Leute des Wissens“!
Und zu den Kennzeichen eines aufrichtigen Lehrers gehört, dass er sich nicht größer macht, als er ist. Er kennt seine Grenzen. Er spricht über das, was er gelernt hat, und schweigt über das, was er nicht weiß.
Die zweite Frage lautet: Woher stammt sein Wissen? — Von wem hat diese Person gelernt? Wer waren ihre Lehrer? Hat sie bei anerkannten Gelehrten , Experten und Institutionen studiert? Hat sie einen Weg des Lernens durchlaufen?
Oder besteht ihre Ausbildung lediglich aus Videos, Büchern und eigenen Schlussfolgerungen? Die Propheten hinterließen weder Gold noch Silber. Sie hinterließen Wissen und Verständnis. Und dieses Wissen wurde von Generation zu Generation treuhänderisch weitergegeben.
Aus diesem Grund sagten die Gelehrten: „Wessen Shaykh sein Buch ist, dessen Fehler sind zahlreicher als seine Richtigkeiten.“
Gemeint ist nicht, dass Bücher keinen Nutzen hätten. Die Experten schrieben Bücher, damit sie studiert werden. Doch Bücher beantworten keine Rückfragen. Sie korrigieren keine Missverständnisse. Sie erkennen keine Irrtümer ihres Lesers. Deshalb gehörte die Begleitung eines Lehrers seit den ersten Generationen zum Wesen islamischer Wissensvermittlung.
Gemeint ist nicht, dass Bücher keinen Nutzen hätten. Die Experten schrieben Bücher, damit sie studiert werden. Doch Bücher beantworten keine Rückfragen. Sie korrigieren keine Missverständnisse. Sie erkennen keine Irrtümer ihres Lesers. Deshalb gehörte die Begleitung eines Lehrers seit den ersten Generationen zum Wesen islamischer Wissensvermittlung.
Die dritte Frage lautet: Was wird gelehrt? — Welche Inhalte werden vermittelt? Führen sie näher zu Allāh? Oder nähren sie fortwährend Zweifel, Verwirrung, Streit, Gruppendenken, Spaltung?
Ruft diese Person zu den Grundlagen des Glaubens, zum Gebet, zum guten Charakter und zur Gottesfurcht auf? Oder besteht der größte Teil ihrer Inhalte aus Skandalen, Widerlegungen, ständigen Auseinandersetzungen und der Beschäftigung mit anderen Menschen?
Ein weiteres Zeichen wahrer Gelehrsamkeit besteht darin, dass ein Mensch seine Grenzen kennt. Nicht jeder, der etwas weiß, ist deshalb berechtigt, Fatwas zu erteilen. Nicht jeder Prediger ist Muftī. Nicht jeder Lehrer ist Fachmann für jede Wissenschaft.
Die demütigen und rechtschaffenen Gelehrten sagten häufig: „Ich weiß es nicht.“ (lā adrī)
Und sie betrachteten diese Antwort als Teil ihres Wissens. Wer dagegen zu jeder Frage sofort eine Antwort hat, über jedes Thema spricht und niemals zugibt, etwas nicht zu wissen, sollte sich selbst prüfen. Denn Bescheidenheit gehört zu den größten Kennzeichen des Wissens.
Die vierte Frage lautet: Wie wird gelehrt? — Denn nicht nur der Inhalt ist wichtig. Auch die Art der Vermittlung gehört zur Religion.
Allāh ﷻ sagt: „Rufe zum Weg deines Rabb mit Weisheit und schöner Ermahnung und streite mit ihnen auf die beste Weise.“ (an-Naḥl, 16:125)
Liebe Geschwister, fragt euch: Fördert diese Person die Liebe zu Allāh? Fördert sie die Liebe zum Gesandten Allāhs ﷺ?
Fördert sie Demut? Fördert sie Barmherzigkeit? Fördert sie den guten Charakter? Oder lebt ihr gesamter Auftritt von Spott, Beleidigungen, Herabsetzungen, Streit und ständiger Empörung?
Der Prophet ﷺ wurde als Barmherzigkeit für die Welten entsandt. Unsere Gelehrten und Experten waren Vorbilder an Geduld, Milde und Weisheit.
Mit Sicherheit gehört es zur Religion, Irrtümer zu berichtigen und vor Fehlleitungen zu warnen. Doch selbst dabei bewahrten sie Anstand, Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit.
Ebenso sollten wir wachsam sein gegenüber jeder Form geistlichen oder spirituellen Missbrauchs. Kein Lehrer – ganz gleich, wie viel Wissen er besitzt – hat das Recht, Menschen abhängig zu machen, sie auszunutzen oder sie an seine eigene Person statt an Allāh und Seinen Gesandten ﷺ zu binden.
Der wahre Lehrer weist die Menschen nicht auf sich selbst. Er weist sie auf Allāh. Er freut sich nicht darüber, wenn Menschen ihm folgen. Er freut sich darüber, wenn Menschen der Wahrheit und Gerechtigkeit folgen.
Liebe Geschwister, die vier Fragen, die wir heute gehört haben, sollen uns nicht misstrauisch gegenüber jedem Menschen machen. Sie sollen uns verantwortungsbewusst machen.
Liebe Geschwister, wir leben in einer Zeit, in der wir täglich viele Stunden damit verbringen, Informationen aufzunehmen.
Doch jeder von uns sollte sich von Zeit zu Zeit eine ehrliche Frage stellen: Wie viel von dem, was ich höre, bringt mich Allāh tatsächlich näher?
Wenn unser Herz jedoch härter wird, unser Hochmut zunimmt, unsere Beschäftigung mit den Fehlern anderer größer wird als die Beschäftigung mit unseren eigenen Fehlern und wir mehr diskutieren als handeln, dann sollten wir innehalten und uns fragen, ob wir wirklich das Licht des Wissens suchen oder lediglich Informationen sammeln.
Liebe Geschwister,
Imam Mālik (raḥimahu-llāh) sagte: „Das Wissen besteht nicht im vielen Überliefern. Vielmehr ist Wissen ein Licht, das Allāh in das Herz legt.“
Das ist die Botschaft, die wir heute mitnehmen sollten.
Nicht jede Information ist Wissen. Nicht jedes Video ist Unterricht. Nicht jeder
Redner ist ein Lehrer. Nicht jede Reichweite ist ein Beweis für Wahrheit.
Das wahre Wissen erkennt man an seinen Früchten.
Darum, geehrte Geschwister, sucht das Wissen dort, wo es seit Jahrhunderten gesucht wurde:
Bei den Menschen des Wissens. In den Moscheen. In den Lehrkreisen. Bei vertrauenswürdigen Lehrern. Bei den Werken der anerkannten Imame und unter der Anleitung derjenigen, die sie verstanden haben. Nicht auf TikTok.
Und vergesst niemals das Bittgebet, das unser Prophet صلى الله عليه وسلم beinahe jeden Morgen
sprach.
Von Umm Salama (raḍiya-llāhu ʿanhā) wird berichtet:
„O Allāh, ich bitte Dich um nützliches Wissen, um eine gute und erlaubte Versorgung
und um eine von Dir angenommene Tat.“ (Ibn Māǧah)
Wenn wir Allāh jeden Tag um nützliches Wissen bitten, dann sollten wir auch
bereit sein, die Wege zu gehen, die zu diesem nützlichen Wissen führen.
Möge Allāh unsere Herzen mit dem Licht des Wissens erfüllen. Möge Er uns zu
denjenigen gehören lassen, die zuhören und dem Besten des Gehörten folgen. Möge
Er uns vor Unwissenheit, Hochmut und Irreführung bewahren.
Möge Er unsere Lehrer segnen und bewahren und unsere sowie ihre Herzen auf der
Wahrheit festigen.
O Allāh, lehre uns das, was uns nützt, lass uns Nutzen ziehen aus dem, was Du uns
gelehrt hast, und mehre uns an Wissen.
O Allāh, zeige uns die Wahrheit als Wahrheit und schenke uns, ihr zu folgen. Zeige
uns das Falsche als falsch und schenke uns, es zu meiden.
O Allāh, vergib den gläubigen Männern und den gläubigen Frauen, den
muslimischen Männern und den muslimischen Frauen, den Lebenden unter ihnen
und den Verstorbenen.
O Allāh, bessere die Lage der Muslime, vereine ihre Herzen, stehe den
Unterdrückten unter ihnen überall auf der Welt bei, heile ihre Kranken, erbarme
Dich ihrer Verstorbenen und mache dieses Land und alle Länder der Muslime zu
Orten der Sicherheit und des Friedens.
O Allāh, sei mit unseren unterdrückten Geschwistern an jedem Ort. Sei mit unseren
Geschwistern in Gaza, im Sudan, im Libanon und überall auf der Welt, o Rabb der
Welten.
„Gewiss, Allāh gebietet Gerechtigkeit, Güte und die Unterstützung der Verwandten
und Er verbietet Schändlichkeit, Verwerfliches und Übertretung. Er ermahnt euch,
auf dass ihr bedenken möget.“ (an-Naḥl, 16:90)
Fußnoten:
- Die ursprüngliche Fassung dieser Freitagspredigt enthält die vollständige arabische Einleitung (ḫuṭbat al-ḥāǧa), den arabischen Schluss sowie sämtliche Qurʾān-Verse und Ḥādīṯe im arabischen Original. Für die Veröffentlichung als Artikel auf dieser Website wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit und Übersichtlichkeit ausschließlich die deutsche Übersetzung wiedergegeben. ↩︎
- Die Überlieferungsketten dieser Aussage sind schwach, doch stärken sich in ihrer Gesamtheit nach einigen Gelehrten. Trotz der Schwäche der Überlieferung stimmt die Bedeutung der Aussage, denn die beste Anbetung ist die mit Wissen im Fiqh und der Faqīh ist derjenige, der den Muslimen die Bestimmungen ihrer ʿIbāda lehrt, wodurch tausende lernen, wie sie ihre ʿIbāda richtig ausführen. ↩︎
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